Symbole begegnen uns überall im Leben. Ein Händedruck kann Vertrauen ausdrücken, eine Kerze Hoffnung schenken, ein Ring Treue symbolisieren oder eine Fahne Zugehörigkeit vermitteln. Solche Zeichen begleiten unser Leben, oft ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind Symbole.
Die Freimaurerei arbeitet seit mehr als drei Jahrhunderten mit einer solchen Sprache der Symbole. Sie gehören zu ihrem Wesen. Wer sich jedoch zum ersten Mal mit der Freimaurerei beschäftigt, fragt sich häufig: Warum spielen Symbole eine so bedeutende Rolle? Wäre es nicht einfacher, die angestrebten Werte – Menschlichkeit, Toleranz oder Brüderlichkeit – unmittelbar auszusprechen? Die Antwort ist ebenso einfach wie tiefgründig: Worte informieren. Symbole verwandeln! Ein Wort richtet sich in erster Linie an unseren Verstand. Ein Symbol hingegen erreicht zugleich unsere Vorstellungskraft, unsere Gefühle und unsere Lebenserfahrung.
Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen selbst? Ein altes Familienfoto. Es ist objektiv betrachtet nichts weiter als Papier oder eine digitale Datei. Dennoch kann es Erinnerungen und Gefühle wachrufen, die kein noch so ausführlicher Text hervorzubringen vermag.
Ein Symbol besitzt ebenfalls diese besondere Fähigkeit, weil es mehrdeutig ist. Es schreibt keine einzelne Deutung vor! Jeder Mensch – und somit auch wir als Brüder Freimaurer – entdeckt darin etwas, das mit seiner und unserer eigenen Biografie verbunden ist. Genau darin liegt auch die Besonderheit der freimaurerischen Symbolik! Die Freimaurerei vermittelt keine fertigen Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Sie möchte den Menschen vielmehr dazu anregen, sich selbst Fragen zu stellen! Unsere Symbole sind daher keine Rätsel, die irgendwann vollständig gelöst werden. Sie begleiten den Menschen auf seinem persönlichen Lebensweg.
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der sogenannte „raue Stein“. Er gehört mit zu den bekanntesten Symbolen der Freimaurerei.
Der unbearbeitete Stein steht sinnbildlich für den Menschen selbst – mit seinen Fähigkeiten ebenso wie mit seinen Schwächen, seinen Hoffnungen und seinen Unvollkommenheiten. Der oft von außen verwendete Satz zur Beschreibung der Freimaurerei, „die Arbeit am rauen Stein“, bedeutet deshalb aber nicht, in kurzer Zeit einen perfekten Menschen hervorzubringen. Sie bedeutet vielmehr, ein Leben lang und nachhaltig an sich selbst zu arbeiten. Jeder von uns kennt Eigenschaften, die er gerne verbessern möchte: mehr Geduld, mehr Gelassenheit, mehr Aufmerksamkeit gegenüber anderen Menschen, eine bessere Zeitplanung, mehr Toleranz, mehr Zivilcourage oder einfach mehr Mut, für das Richtige einzustehen. In diesem Sinn arbeitet jeder Mensch – bewusst oder unbewusst – an seinem eigenen rauen Stein. Und genau diese Arbeit, die ständige Arbeit an sich selbst, diesen guten Vorsatz und Gedanken, machen wir Freimaurer mit dem Symbol des rauen Steins für uns sichtbar!
Zwei weitere bekannte Symbole in der Freimaurerei sind die Werkzeuge der Steinmetze und der Dombaumeister, hier insbesondere das Winkelmaß und der Zirkel.
Historisch erinnern sie an die Bauhütten der mittelalterlichen Dombauer. Symbolisch jedoch weisen sie weit über das handwerkliche Arbeiten hinaus! Für uns Freimaurer steht das Winkelmaß beispielsweise für Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit und verantwortungsvolles Handeln. Der Zirkel erinnert uns daran, Maß zu halten, die eigenen Leidenschaften zu beherrschen, in seinem Lebensumfeld zu wirken und die Freiheit des anderen zu achten. Es handelt sich also nicht um Gegenstände, die verehrt werden. Sie sind vielmehr Bilder für die innere Haltung eines Menschen!
Und genau hierin liegt die besondere Kraft der Symbolik! Sie spricht den Menschen an, ohne ihn zu bevormunden. Sie lädt zum Nachdenken ein, ohne vorzuschreiben, was gedacht werden muss. Das unterscheidet Symbole von Lehrsätzen oder Dogmen. Jeder Mensch darf seine eigene Bedeutung entdecken!
Doch können Symbole tatsächlich einen Menschen verändern? Natürlich verändert ein Symbol niemanden von selbst. Ein Hammer baut kein Haus. Ein Musikinstrument spielt keine Melodie. Erst der Mensch verleiht ihnen Sinn und Wirkung. Ebenso verhält es sich mit den Symbolen der Freimaurerei. Sie wirken nur dann, wenn wir bereit sind, uns mit ihnen auseinanderzusetzen!
Ihre eigentliche Kraft entfalten sie nicht in erster Linie in der Loge und in unserem „Tempel“, wie wir Freimaurer unsere rituelle Arbeitsstätte nennen, sondern im Alltag. Dort entscheidet sich, ob wir geduldiger zuhören. Ob wir gerechter urteilen. Ob wir respektvoller miteinander umgehen. Ob wir Menschenliebe leben. Oder ob wir den Mut finden, Fehler bei uns selbst zu erkennen, um aus einer Schwäche eine Stärke zu machen!
Hierin liegt ein elementares Ziel der Freimaurerei! Nicht den Menschen zu verändern, indem man ihm sagt, wie er zu leben hat. Sondern ihm Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen er sich selbst weiterentwickeln kann! Diese Werkzeuge bestehen nicht aus Holz oder Metall. Sie bestehen aus Gedanken. Aus Bildern. Aus Symbolen! Gerade deshalb haben sie ihre Aktualität bis heute bewahrt!
Wir leben in einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Innerhalb weniger Sekunden können wir nahezu jede sachliche Frage beantworten lassen. Doch Wissen allein macht den Menschen noch nicht weise. Die Frage, wie wir leben wollen, lässt sich nicht in einer Suchmaschine finden. Sie verlangt Selbstreflexion. Sie verlangt Erfahrung. Und manchmal verlangt sie insbesondere Schweigen!
Symbole schaffen genau diesen dafür benötigten Raum. Sie laden dazu ein, nicht sofort zu urteilen, sondern zunächst zu betrachten. Nicht vorschnell Antworten zu geben, sondern Fragen auszuhalten. Vielleicht ist das heute wichtiger denn je? Denn unsere Gesellschaft ist reich an Meinungen, aber oft arm an gemeinsamem Nachdenken.
Die Freimaurerei versteht sich deshalb nicht als Schule fertiger Wahrheiten. Sie versteht sich als Schule des Fragens. Ihre Symbole erinnern daran, dass der Mensch niemals vollkommen ist und seine Entwicklung niemals abgeschlossen sein wird. Gerade diese Erkenntnis verbindet Brüder unterschiedlicher Berufe, Religionen und Weltanschauungen. Nicht weil sie alle dasselbe denken. Sondern weil sie sich gemeinsam darum bemühen, bessere Menschen zu werden!
Und vielleicht ist das die tiefste Wirkung der Symbolik. Sie verändert zunächst nicht die Welt. Sie verändert unseren Blick auf die Welt. Wer beginnt, an sich selbst zu arbeiten, begegnet auch anderen Menschen mit mehr Verständnis. Wer seine eigenen Ecken und Kanten kennt, wird vorsichtiger darin, über die Fehler anderer zu urteilen. Wer das Licht sucht, erkennt Hoffnung auch dort, wo andere nur Dunkelheit sehen.
So entsteht aus einem Symbol eine menschliche, innere Haltung. Und aus einer Haltung wird schließlich ein Handeln!
Für viele Menschen werden die Symbole der Freimaurerei vielleicht weiterhin Werkzeuge, Steine oder geometrische Zeichen sein. Vielleicht aber werden sie zugleich etwas anderes sein: eine Einladung. Eine Einladung, sich selbst immer wieder neu zu betrachten. Nicht mit dem Anspruch, vollkommen zu werden. Sondern mit dem Wunsch, jeden Tag ein wenig menschlicher zu handeln als am Tag zuvor.
Wenn die Symbole diesen Gedanken in uns wachhalten, dann erfüllen sie ihre eigentliche Aufgabe. Nicht indem sie uns belehren. Sondern indem sie uns begleiten. Still. Geduldig. Ein Leben lang!